Snaffle Bit oder Bit mit Shanks?

Diese Frage stellen sich und mir Westernreiter jeder Ausbildungsstufe, und das, obwohl doch das Bit, eine Kandare, nur in gut geschulte Hände gehören sollte. Ich habe schon öfter von Englischreitern gehört, wie auffallend es doch sei, dass so viele Westernreiter ihr Pferd „auf Kandare“ reiten. Die Zäumung auf Kandare ist in der englischen Reitweise einer viel höheren Ausbildungsstufe vorbehalten.

Der Denkfehler, der vielleicht unter Westernreitern gemacht wird, ist das vielgerühmte und dabei oft falsch verstandene „Reiten am langen Zügel“. Ja, es stimmt, wenn ich mein Pferd mit viel Slack reiten kann, ist ein Bit natürlich nichts, was sich problematisch auf das Pferdemaul auswirken könnte. Aber: Wer hat die Kommunikation mit seinem Pferd so perfektioniert, dass er es am wirklich immer (!) hingegebenen Zügel nur über Gewichtshilfen und gegebenenfalls Stimmhilfen steuern kann?

Der Fehler, der in der Praxis gemacht wird, ist das Reiten eines Pferdes im Bit, „weil es auf Wassertrense nicht läuft“, oft zweihändig und mit leicht anstehendem Zügel. Das ist wohl die häufigste Verwendung des Bits, die ich unter Freizeitwesternreitern beobachte.

Man kann ein Bit auch zweihändig reiten, phasenweise, für bestimmte Zwecke und in bestimmten Situationen, die das zeitweise erfordern. Dazu wiederum sind ein gutes Gefühl in den Händen des Reiters, ein absolut zügelunabhängiger Sitz und Kenntnis über die Wirkung des jeweiligen Gebisses im Pferdemaul unabdingbar.

Ein Pferd aber nur im Bit zu reiten, weil es „die Wassertrense nicht mag“, ich es sonst „im Gelände nicht halten kann“, es „im Snaffle Bit macht, was es will“, ist keine akzeptable Herangehensweise.

Viele meiner Kundenpferde, die lange im Bit liefen aus einer Mischung der oben genannten Gründe, habe ich bewusst zurück ins Snaffle Bit genommen, um ihnen den Kontakt zur Reiterhand neu beizubringen. Diese Pferde stehen nach einiger Zeit im Snaffle Bit ganz wunderbar an den Hilfen und laufen auf der Grundlage dessen, was auf Wassertrense erarbeitet wurde, im Bit danach noch besser – und zwar am langen Zügel.

Oft habe ich Pferde für den Beritt bekommen, von denen es hieß, sie laufen „nur am langen Zügel“ und „auf Stimme“. In der Praxis präsentierte sich mir ein Pferd, das unter mir sein Ding macht, das ich nicht anfassen darf, das ungut wird bei Kontakt am Pferdemaul, sich aber auch über Gewichts- und Schenkelhilfen schlecht steuern und lenken lässt. Dessen Geschwindigkeit es stets selbst bestimmt, denn mit welchen Hilfen sollte ich es denn aus dem Renntrab runterregulieren, wenn ich es am Zügel nicht aufnehmen darf und es nicht an den Gewichts- und Schenkelhilfen steht. „Mit der Stimme“ ruft man mir von der Bande zu. Und auf „Eeeeeeeasy“ wird das Pferd dann nach und nach langsamer – weil es heute einen guten Tag hat und hofft, dass wir jetzt dann auch eh fertig sind für heute.

Nein, ich will das Pferd, auf dem ich sitze, steuern können, es „anfassen“ dürfen, ich möchte Losgelassenheit und Nachgiebigkeit. Und die bekomme ich nur, wenn ich das Pferd irgendwann einmal im Snaffle Bit an die Tatsache gewöhnt habe, das eine Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul nichts Schlechtes ist.

Ein gut im Snaffle Bit anhand der Ausbildungsskala gymnastiziertes Pferd kann dann ins Bit. Aber welches?

Flexibel bleiben

Meine Stute reite ich abwechselnd mit einem beweglichen Port-Bit und einem Hinged Bit, jeweils mit Kupfereinlagen. Die Entscheidung fiel auf diese Gebisse aus einem ganz einfachen Grund: Weil sie sie mag und zufrieden damit läuft.

Sie lief bei mir aber recht lang auch im Snaffle Bit, sodass ich sie auch jetzt noch jederzeit gut auf Wassertrense reiten kann.

Jetzt kommt diese aber nur noch in zwei Fällen zum Einsatz und zwar

  • beim Longieren mit Ausbindern und
  • im äußerst seltenen Einsatz als Schulpferd.

Auf einem Turnier habe ich mal ein Gespräch mitgehört, in dem jemand erklärte, zu Hause nur auf Wassertrense zu reiten, das Bit sei einzig der Show vorbehalten.

Es klang, als wäre das ein besonders positiver Aspekt ihres Trainings. Irgendwie „gut fürs Pferd“. Ich bin mir da nicht sicher. Sollte man das Gefühl haben, dem Pferd im Training zu Hause mit dem Bit etwas Schlechtes anzutun, dann gilt es wohl generell, das gewählte Gebiss oder auch die Handhabung desselben zu überdenken. Das Ziel ist es, dass das Pferd zufrieden im Bit läuft. Tut es dies nicht, sollte dieses Gebiss auch nicht in der Show zur Anwendung kommen.

Ich handhabe das daher anders: So wie ich mein Pferd showen will, reite ich es auch zu Hause. Ich reite auch im Training fast ausschließlich einhändig im Bit. Die Sequenzen, wo ich kurz zweihändig reite, sind auf ein Minimum reduziert. Ich möchte schließlich ein Pferd, das am Turnier 100% safe im Bit läuft.

Gerade deshalb kann ich mein Pferd auch ganz ohne Gebiss oder gar Kopfstück mit reinen Gewichtshilfen reiten. Das Snaffle Bit und/oder die zweihändige Zügelführung bieten mehr Anlehnung und geben dem Pferd mehr Stütze (Balance). Das ist also ein bisschen so, als würde ein Profi-Radrennfahrer im Training immer mit Stützrädern fahren.

Vielleicht sind gerade diese „Stützräder“ ein ganz gutes Bild, um zu verdeutlichen, was Pferde, die sich nicht gut selber tragen, im Snaffle Bit gerne tun: Sie stützen sich ab. Sie werden schwer in der Vorhand, legen sich schwer auf die Reiterhand und die ganze Leichtigkeit geht verloren. Ein Seniorpferd aber, das gelernt hat, sich selbst zu tragen, kann natürlich genau so fein im Snaffle Bit geritten werden. Es kann umgekehrt aber auch problemlos das ganze Jahr im Bit laufen. Die Wassertrense hat hier keinen „erleichternden“ Effekt, den man dem Pferd außerhalb vom Turnier zugutekommen lässt. Es gibt Gründe, Pferde, die normalerweise im Bit laufen, wieder ins Snaffle zu nehmen. Aber der pauschalen Aussage, das Snaffle Bit wäre fürs Pferd angenehmer und das Bit lediglich der Show vorbehalten, stehe ich mit Vorsicht gegenüber.

Anders sieht es dagegen aus, wenn das Snaffle Bit bewusst dazu eingesetzt wird, an der Anlehnung und Gymnastizierung zu arbeiten. Wenn es da ein konkret zu bearbeitendes Problem gibt, löse ich das gerne auch mal in der „guten alten Wassertrense“. Auch für die Erarbeitung von neuen Trainingsinhalten, beispielsweise für das Wechseltraining. Überhaupt halte ich auch ganz generell viel davon, die Gebisse immer mal durchzuwechseln, um das Pferd flexibel im Maul zu halten.

Natürlich reite ich auch sehr viele meiner Kundenpferde im Snaffle Bit, was dann aber entweder daran liegt, dass sie noch gar nicht bitreif sind, oder dass es gewisse Schwächen in den Bewegungsabläufen oder falsch angewöhnte Haltungen gibt. Hierzu zählt mit als häufigstes Problem das „Einrollen“, also die Angewohnheit eines Pferdes, sich hinter dem Zügel zu verstecken. Diese Pferde – auch wenn sie jahrelang im Bit geritten wurden – dürfen bei mir dann zunächst lernen, sich an das Gebiss, an den Zügel, an die Reiterhand heranzudehnen, und laufen eine ganze Weile lang erst mal im Snaffle, bis ich sie wieder ins Bit nehme.

Fazit

  • Ein Pferd muss im Snaffle Bit nachgiebig sein und das Neckreining kennenlernen, bevor es aufs Bit umgestellt wird.
  • Anfänger und Einsteiger sollten möglichst auf einem Pferd lernen, das sich gut auf Wassertrense reiten lässt.
  • Ein Senior-Pferd kann problemlos zu Hause auch das ganze Jahr im Bit laufen.
  • Wie so oft: Das individuelle Pferd und die konkrete Situation entscheiden. Es gibt kein pauschales „Richtig“ und „Falsch“.

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Eure